Elfriede Fulda: Geheimnisse in Natur und Zivilisation

(Rede von Dr. Marina Linares zur Eröffnung der Ausstellung im Fachgerichtszentrum,
Blumenthalstraße 33, 50670 Köln am 17.04.2026)

[…] Diese Einzelausstellung zeigt über 80 Bilder – Aquarellmalerei, Mischtechniken, Pastelle und Plakate – aus dem Oeuvre von Elfriede Fulda. Es ist ein sehr umfangreiches und vielfältiges Kunstschaffen, das sich bis ins Spätwerk weiterentwickelte – eine Entdeckung für die Kunstgeschichte, deren Aufarbeitung künstlerischer Leistungen von Frauen insbesondere des 20. Jahrhunderts noch längst nicht abgeschlossen ist. Zweifelsohne gehört Elfriede Fulda (1921 – 2015) zu diesen Pionierinnen, sie gehört sogar zu den wenigen, die von ihrer künstlerischen Arbeit leben konnten.

[…] Die Malerin entwickelte in den 1970er Jahren einen eigenen, sehr experimentellen Stil, der moderne und postmoderne Tendenzen, insbesondere der informellen Malerei, aufnahm. Ihre Bilder sind Synthesen verschiedener Malstile und Farbaufträge bis hin zur Fließtechnik,
eine Mischung Öl- und Wasser-haltiger Lösungen auf Kleistergrund, wobei die Substanzschichten interagieren und beim Trocknen Zufallseffekte bilden. Regelmäßige Aufenthalte in Griechenland begünstigten dieses Verfahren, denn Licht und Temperatur beschleunigen die Trocknungsprozesse, die Fulda gezielt in ihre Bildkomposition einsetzte. Es entstanden Spannungen zwischen den verschiedenen Bildzonen und -schichten, Risse, Brüche, Erhebungen oder Schründe; zugleich ein spannungsvolles Wechselspiel zwischen Zufall und Kontrolle, freiem Farbfluss und gewollter Formung, abstrakten und figurativen Gebilden.

Ähnlich der surrealistisch-assoziativen Methode blieb die Künstlerin nicht bei einer rein sinnlichen Ästhetik, sondern integrierte in ihre Bilder figürliche Gestalten, die neue Sinnbezüge herstellen. Meist sind es Gesichter, die schemenhaft, aber ausdrucksstark in der Farbdynamik sichtbar werden und die Kompositionen in expressive Szenen überführen. Schon Leonardo da Vinci schrieb in seinem Malereitraktat, dass Gesichter-Sehen in Mauerflecken die Phantasie anrege – heute wissen wir, dass der Mensch ein eigenes Hirnareal zur Gesichter-Erkennung besitzt. Die Hippie-Bewegung stellte Fulda in Blumenkinder (1972) oder Träume sind Schäume (1976) als Gestalten mit wilder Haartracht, umgeben von einem dynamischen Farbenrausch dar – andere Figuren wie in Blüten der Gesellschaft (1972) erscheinen eher leer und trist. […]

Das Bild Gedanken verbinden (1973) kombiniert auf subtile Weise zwei Gesichter, ebenfalls im Farbkontrast: Hier dominiert rechts der in kräftigen Blautönen, eckig konturierte Kopf im Vordergrund, der das zarte, helle Gesicht in der Bildmitte halb verdeckt. Erst beim zweiten
Blick erkennen wir dessen angedeutete Gesichtszüge in der Rundung, die zwischen den pulsierenden blauen Farbschichten zu leuchten scheint. Der Kontrast intensiviert sich in der Kombination zweier Malstile: Die Komposition ist geprägt von eckigen, an die Bildsprache
von Paul Klee erinnernde Formen sowie von Fuldas experimenteller Gestaltung im Zentrum. Harmonie im Ausgleich der Gegensätze: Es begegnen sich fester Formwille und freies Fließen, die an Dualismen wie Gedachtes und Gefühltes, Bewusstes und Unbewusstes oder
Männliches und Weibliches denken lassen sowie an die zwei Pole, die das Kunstschaffen von Elfriede Fulda prägen.

Auch ihre abstrakten Bilder sind nicht rein ästhetische Kompositionen, sondern eher Darstellungen natürlicher Phänomene. In ihrem Spätwerk tritt die Künstlerin mit einer neuen Technik hervor: Strukturpaste ermöglicht mosaikartige Effekte, quasi-organische Strukturen
wie zellartiges Gewebe oder feingliedrige Netze. Heinz Posselt spricht hier von „Strukturbildern“. Kosmische Tiefe (1994) verbindet Kontraste von Blau-Weiß und Rot-Gelb, von kalten und warmen Farben sowie von malerisch verschwommenen Flächen und jenen kristallinen Strukturen; rahmende Elemente setzen den dynamischen Farbsubstanzen etwas Statisch-Beruhigendes entgegen. Im Bild fasziniert die pulsierende Lebendigkeit: Ob Makro- oder Mikrokosmos, ob Weltall oder Gedankenwelt, Welt der Erfahrung oder der Erfindung – unergründbar scheint es in seiner Dichte und besticht durch seinen Ideenreichtum, durch seine Dialektik. Elfriede Fulda erschafft in ihrer Kunst einen eigenen
Kosmos, der für uns bis heute lebendig ist und sicherlich seinen Platz in der Malereigeschichte finden wird.

© Copyright - Elfriede Fulda | Portrait der Malerin und Grafikerin
Elfriede Fulda | Portrait der Malerin und Grafikerin